Taekwondo und die Dummheit
| . |
|
TAEKWONDO UND DIE DUMMHEIT |
Anmerkung: Ich zögerte lange, diese meine Spielerei zu veröffentlichen, denn schlussendlich ist es genau das. Doch die Umstände, wie der ÖTDV und manche Landesverbände miteinander umgehen, veranlasst mich zu einer zweiten Veröffentlichung.*clemens* |
. |
|
Also war ich wieder einmal im Café Bica, als ich Pilade kennen lernte. „Und was treiben Sie?“, fragte er mich mit, wie ich jetzt weiß, Sympathie. „Im Leben oder im Theater?“ fragte ich mit einem Rundblick auf Pilades Bühne. „Im Leben“. „Ich betreibe Taekwondo“. „Gehen Sie ins Dojang oder betreiben Sie Taekwondo“. Sie werdens nicht glauben, aber das widerspricht sich nicht. „Ich mache gerade meinen nächsten Dan“. „Oh, ist das nicht eher was für Irre?“ „Eigentlich nicht. Aber was wissen Sie von der Kampfkunst?“ „Ich arbeite in einem Dojang und dorthin kommen Weise und Irre. Das Metier des Trainers ist, auf Anhieb die Irren zu erkennen. Wenn einer anfängt, gleich von seinem Schwarzgurt zu reden, ist es meistens ein Irrer“. „Wem sagen Sie das. Ihr Name ist Legion. Aber nicht alle Irren reden vom Schwarzgurt. Woran erkennen Sie die anderen?“. „Berufserfahrung. Ich wills Ihnen erklären, Sie sind noch jung. Also passen Sie auf: In der Welt gibt es die Idioten, die Dämlichen, die Dummen und die Irren.“. „Sonst nichts?“. „Doch, uns zwei zum Beispiel, oder jedenfalls – ohne wen zu beleidigen – mich. Aber letzten Endes, genau besehen, gehört jeder Mensch zu einer von diesen Kategorien. Jeder von uns ist hin und wieder idiotisch, dämlich, dumm oder irre. Sagen wir, normal ist, wer diese Komponenten einigermaßen vernünftig mischt. Es sind Grundtypen.“
„Aber wer ist dann ein Genie, so wie Einstein zum Beispiel?“ „Genie ist, wer eine Komponente in schwindelerregende Höhen treibt, indem er sie mit anderen nährt“ „Aber was ist mit den Irren?“ „Ich hoffe, Sie nehmen meine Theorie nicht für reines Gold. Ich kann nicht die ganze Welt erklären. Ich sage nur, was ein Irrer für ein Dojang ist. Die Theorie ist ad hoc entwickelt, okay?“ „Okay, die nächste Runde ist meine.“
„Der Idiot redet gar nicht, er äfft nur nach, er sabbert bloß, er ist spastisch. Er pflanzt sich den Pudding auf die Stirn, weil er seine Bewegungen nicht koordinieren kann. Er geht auf der falschen Seite durch die Drehtür.“ „Wie macht er das?“ „Er schafft das. Drum ist er ja ein Idiot. Er interessiert uns hier nicht, man erkennt ihn sofort, und er kommt auch nicht freiwillig in ein Dojang. Lassen wir ihn, wo er ist.“ „Gut lassen wir ihn.“
„Dämlich zu sein ist komplexer. Es ist ein soziales Verhalten. Dämlich ist, wer immer neben dem Glas redet.“ „Wie meinen Sie das?“ „So“. Er stieß den gestreckten Zeigefinger neben sein Whiskyglas auf den Tresen. „Er will von dem reden, was im Glas ist, aber was er auch tut, er redet daneben. Wenn Sie so wollen, um es in allgemeinverständlichen Worten zu sagen: Er benimmt sich immer daneben, er ist der Typ, der einen Apchagi macht, wenn gerade der Yopchagi geprüft wird. Genügt das zur Veranschaulichung der Idee?“ „Es genügt, ich kenne den Typ.“ „Der Dämliche ist sehr gefragt, besonders bei mondänen Veranstaltungen und auf Trainingskursen. Er bringt alle in Verlegenheit, aber dann bietet er Anlässe zu Kommentaren. In seiner positiven Variante wird er Diplomat. Er redet neben dem Glas, wenn die anderen Meister nichts zu Stande bringen, er bringt die Gespräche auf andere Themen. Aber er interessiert uns hier nicht, er ist nie kreativ. Der Dämliche sagt nicht, dass die Katze bellt, er spricht von Katzen, wenn die anderen von Hunden reden. Er vertut sich mit den Konversationsregeln, und wenn er sich gut vertut, ist er wunderbar. Ich glaube, er ist eine aussterbende Gattung, ein Träger eminent bürgerlicher Tugenden. Der Dämliche ist Joachim Murat, der die Parade abnimmt und einen hochdekorierten Offizier aus Martinique erblickt. ‚Vous êtes nègre?’ fragt er ihn. ‚Qui mon général’, antwortet der Offizier. Und Murat:’ Bravo, bravo, continuez!’ Können Sie mir folgen?“
„Und der Dumme?“ „Ah, der Dumme vertut sich nicht im Benehmen. Er vertut sich im Denken. Er ist der Typ, der sagt, alle Hunde sind Haustiere, und alle Hunde bellen, aber auch Katzen sind Haustiere und folglich bellen sie. Oder: Alle Koreaner sind sterblich und alle Einwohner von Seoul sind sterblich, also sind alle Einwohner von Seoul Koreaner.“ „Stimmt ja auch.“ „Ja, aber nur aus Zufall. Der Dumme kann auch was Richtiges sagen, aber aus falschen Gründen.“ „Man kann auch was Falsches sagen, wenn nur die Gründe richtig sind.“ „Bei Gott! Wozu sonst die ganze Mühe, ein animal rationale zu sein?“ „Taekwondo wurde von koreanischen Menschen erfunden, wir betreiben Taekwondo, wir sind Menschen also sind wir Koreaner.“ „Nicht schlecht. Wir sind schon auf der Schwelle, wo Sie zu ahnen beginnen, dass etwas nicht stimmt, aber es ist noch eine gewisse Arbeit nötig, um herauszufinden, was genau und warum. Der Dumme ist überaus heimtückisch. Den Dämlichen erkennt man sofort (ganz zu schweigen vom Idioten), aber der Dumme argumentiert fast genau wie man selbst, es fehlt nur ein winziges Stückchen. Er ist ein Meister der Paralogismen. Vor ihm kann sich kein Gremium retten, es bräuchte dafür eine Ewigkeit. Lehren von Dummen werden viele veröffentlicht und von den Schülern angenommen, weil sie uns auf den ersten Blick überzeugen.“ „In Anlehnung an den Gottesbeweis von Anselm von Canterburry erkennt auch die Philosophie nicht den Dummen?: Ein perfekter Grossmeister des Taekwondo muß existieren, weil ich ihn als ein Wesen denken kann, das alle Vollkommenheit besitzt, einschliesslich der Existenz. Anselm verwechselt die Existenz im Denken mit der Existenz in der Realität.“ „Ja, aber dumm ist auch eine Abart der Widerlegung von Gaunilo: Ich kann an einen perfekten Kampfkunstmeister denken, auch wenn es ihn nicht gibt. Er verwechselt das Denken des Zufälligen mit dem Denken des Notwendigen.“ „Wir sind von Dummen umzingelt.“ „Man entgeht ihnen nicht. Alle sind dumm, ausser Ihnen und mir. Oder sogar – ohne wen zu beleidigen – außer Ihnen.“ „Noch eine Runde, wir teilens nachher“ „Der Meister der Schule X sagt, dass alle anderen Kampfkünste nichts bringen. Wenn er das sagt, er, der er eine Kampfkunst lehrt, muss es wahr sein.“ „Das ist dumm.“ „Das ist in abgewandelter Form Paulus. Brief an Titus. Urteilen sie selbst. Ich hab es Ihnen ja gesagt, es ist schwierig, den Dummen zu erkennen. Ein Dummer kann damit auch zum Großmeister aufsteigen oder den Nobelpreis bekommen.“ „Lassen Sie mich nachdenken…Einige von denen, die nicht glauben, dass ihre Lehre die einzig wahre sei, sind keine Fundamentalisten, aber einige Fundamentalisten glauben, dass ihre Lehre die einzig wahre sei – also ist keiner, der nicht glaubt, dass ihre Lehre das einzig Wahre sei, ein Fundamentalist. Ist das dumm oder nicht?“ „Mein Gott, schwer zu sagen…Ich weiß nicht, was meinen Sie?“ „Es ist in jedem Fall dumm, auch wenn es wahr wäre. Es verletzt eine Regel des Syllogismus: Man kann keine allgemeinen Schlüsse aus zwei besonderen Fällen ableiten.“ „Und wenn Sie nun der Dumme wären?“ „Dann wäre ich in säkulärer Gesellschaft.“ „Da haben Sie recht, die Dummheit umgibt uns. Und vielleicht ist unsere Dummheit in einer anderen Logik als der unseren ihre Weisheit. Die Dummheit des Denkens ist die Inkohärenz eines anderen Denkens.“ „Tiefer Gedanke. Schon zwei, gleich macht das Bica zu, und wir sind noch nicht bei den Irren.“
„Bin schon da. Den Irren erkennt man sofort. Er ist ein Dummer, der sich nicht verstellen kann. Der Dumme versucht seine These zu beweisen, er hat eine schräge Logik, aber er hat eine. Der Irre dagegen kümmert sich nicht um Logik, er operiert mit Kurzschlüssen. Alles beweist für ihn alles. Der Irre hat eine fixe Idee und sieht sie durch alles, was er findet, bestätigt. Er nimmt an, dass seine Lehre der einzig wahre Weg sei und findet überall Erleuchtung. Ihn kümmern andere Meinungen nicht, er verlässt sich auf Erfahrung und deren positive Signale auf dem Weg dorthin.“
Pilade machte Anstalten, noch einen Whisky zu bestellen, überlegte sich’s aber dann anders und bat um die Rechnung. Dies war mein erstes Zusammentreffen mit ihm gewesen.
|